KeiNe PaNik

Archive for Juli 2013

Die Videos des US-Internetradios KEXP schaue ich mir oft mit Interesse an. Mit dem Video von „Julia Massey & The Five Finger Discount“ möchte ich hier eine meiner neusten Neuentdeckungen vorstellen. Kann Musik eher nüchtern als aufgeregt, eher leise als laut und eher nachdenklich als emotional, – und trotzdem wunderschön sein? Ja das kann sie, und das ist genau das, was ich diesen Sommer brauche…

Am Freitag überlegte ich, ob ein kaputtes Armband einer Uhr ein gutes oder schlechtes Zeichen für ein Treffen wäre? Heute weiß ich, es ist ein schlechtes Omen. Ich wollte zu dem Geburtstag der Tochter meiner Ex und es wurde zu einem Horrortrip in die Vergangenheit.

Ich durfte ihr meine Geschenke übergeben. Sie wollte eine Puppe und ein Stofftier haben. Aber das war es dann auch schon und ich war von dann nur noch mit der Mutter konfrontiert. Ich fragte mich, ob das wirklich dieselbe Frau gewesen war, die ich mal kannte? Freundlich war sie nicht viel, ebenso ihre beste Freundin, die verätzt auf dem Sofa saß.

Zuerst dachte ich, deren käsiges Gesicht wäre wegen mir. Aber ich sah dann nach einigen Minuten, dass die Damen vollkommen verkatert waren. Denn die Geburtstagsfeier der Kleinen (5 Jahre geworden) ging bis spät in die Nacht hinein. Es wurde ordentlich gesoffen und bei den Kindern war an einen Kindergartenbesuch am folgenden Tag nicht zu denken.

Ich fragte mich, wo ich denn da gelandet wäre? Meine Ex wohnt jetzt wieder bei ihrem Ehemann, der sie in regelmäßigen Abständen schlägt und ein notorischer Trinker ist.  Da er mir persönlich immer schon mal „in die Fresse schlagen“ wollte, war ich froh, dass er auch jetzt am frühen Nachmittag schon in seiner Stammkneipe weilte.

Meine Ex hatte aber schon wieder eine große Bierflasche auf. Mir gab sie eine kleine, mit ihrem Lieblingsbier, wie sie sagte. Dabei blieb es für mich dann auch, weil ich intuitiv wußte, dass ich diesen Abend schon wieder nach Hause fahren würde. Wirklich herzlicher Empfang.

Es vergingen Momente, die mir ewig vorkamen. Essen, was mir nicht schmeckte und Kuchen, den ich zerbröselte, bekam ich. Sie trank weiter Bier, war schon angetrunken. Ich bestand darauf, mit ihr und der Kleinen ein „Eis essen zu gehen“, wie es abgesprochen war. Von ihr aus hätte diese Situation endlos so weiter gehen können. Es störte sie überhaupt nichts.

Bevor es los ging, rauchte sie auf der Toilette noch einen halben Joint. Dann ging es für sie erheitert, für mich ratlos und ihrer freudigen Tochter, die mit einer Freundin mitkam, los. Die beiden Kinder saßen weiter entfernt an einem Extra-Tisch, damit wir Erwachsenen, wie die Tochter sagte, uns „küssen könnten“. Die Frau vor mir war aber nicht zum Küssen, sondern erzählte nur noch Zeugs, was mit Drogen oder Alkohol zu tun hatte. Wobei die Alkohol-Themen überwogen. Ab und an wurde der Kellner mit anzüglichen Bemerkungen von seiner Arbeit abgehalten. Ab und an spürte ich auch ihre Füße an meinen Beinen. Aber das schlimmste war, dass sie sich einen Drink nach dem anderen bestellte. Ihre Tochter meinte wohl, wenn ich sie küssen würde, wäre sie vielleicht wieder wie früher?

Früher war nur ihr Vater Alkoholiker, jetzt sind es Vater und Mutter. Und die Frau in meinem Leben, die ich mal ernsthaft heiraten wollte, es gab da nur sie, ist zu einem rolling stone geworden. Wahrscheinlich trinkt und stromert sie jetzt gerade auch wieder durch ihre Stadt. Ich dachte immer, nach mir könnte es bei ihr nur einen Millionär geben, der sie glücklich machen würde. Aber auch dieser würde jetzt wahrscheinlich nur noch an ihr vorüber gehen, während andere, alkoholgeschädigte Typen sich bereits ihre Hände reiben.

Schon das ganze Wochenende versuche ich das zu begreifen und irgendwie nach einer guten Idee, wieder selber glücklich sein zu können? Dabei war das Telefonat im Vorfeld sehr positiv. Dachte, mal einen Urlaub oder ein Wochenende mit den beiden verbringen zu können. Zum Abschied meinte sie dann trocken, wenn ich „Langeweile hätte“, dann könnte ich mal wieder vorbeikommen. Ich sagte etwas, weiß nicht mehr was, aber sie wiederholte dann nur „wenn Du Langeweile hast, – sonst nicht!“ Ich bestand dann noch auf eine letzte Umarmung, dessen Sinn sie vielleicht einmal von selber erkennen wird, wenn sie klar im Kopf wird? Am Freitag aber keine Chance, mindestens einer von uns kam von einem fremden Stern. Ich aber, will mir das nicht noch einmal antun.

In der Achtsamkeitsmeditaion beurteilt man die Dinge für sich, wenn sie nicht mehr für einen da sind, vergangen. Vor allem empfand ich es als eine Ehre bei einem Ereignis dabei gewesen zu sein, an dessen Ende mir wildfremde Leute mit Tränen in den Augen um den Hals gefallen sind. Die Leute waren so bunt gemischt wie die Schlange vor den Kassen in einem Lidl (Discounterkette in Deutschland). Irgendetwas musste sie innerhalb der vergangenen Woche so stark verbunden haben. Dabei habe ich mit keinen einzigen auch nur ein Wort gesprochen. Nicht aus Arroganz, sondern weil es so sein mußte, dass niemand, außer der Lehrer in seinen Anweisungen, auch nur ein Wort sprach. Sie nannten es das „Edle Schweigen“. Sonst gab es Meditation pur: 45 Minuten Meditieren im Sitzen, dann im Wechsel 45 Minuten im Gehen. Und das den ganzen Tag, frühmorgens bis zum Abend.

Wieder im „normalen Leben“ angekommen, konnte ich die Trauer des Abschiedes mehr und mehr verstehen und verinnerlichen. Eigentlich leben wir in einem Paradies, das einfach im Hier und Jetzt ist und ewig sein wird. Bloß das „normale Leben“ verwickelt einen derart in Nebensächlichkeiten, dass wir es einfach nicht mehr sehen können und irgendwann: gemäß der Kraft und Aufgabe der Trägheit, die notwendig wäre, wollen viele auch gar nichts mehr davon wissen. Willkommen im 21. Jahrhundert!

Die ersten Tage jenseits der Stille waren schrecklich. Die Leute sind wirklich unfreundlich und die Gewißheit, dass der Gärtner, der sich scheinbar einfältig um den Garten kümmert und schweigt, viel glücklicher sein kann als der gestresste Hausherr, der dem Geld hinterher rennt … diese Gewißheit läßt mich wirklich fragen, ob mein Leben, so wie es bisher war und nun wieder ist, überhaupt sinnvoll ist?

Es war wie ein Traum vom Paradies, so wie es Adam und Eva vielleicht offen stand? Man konnte es erahnen, wie sehr die Menschen irren, sich es üppig und überladen vorzustellen. In der Demut und Einfachheit liegt es und jeder in dieser Stadt würde daran vorbei gehen, geblendet vom Wahn der eigenen Person.

Aber nicht nur in der eigenen Klarheit, Dinge bewerten zu können, bringt Abgeschiedenheit etwas, sondern auch, komischerweise für alte Herzensangelegenheiten. Mir wurde klar, dass es sich bei der Zeit, in der ich mich um die Erziehung eines Kindes kümmerte, um die glücklichste Zeit meines abgelaufenen Lebens handelte. Alles andere war aus dieser meditativen Perspektive – vollkommen bedeutungslos. Ich nahm mir vor, aus der Tiefe, mich wieder zu melden. Zumal sie morgen Geburtstag hat und schon 5 wird. Ich nahm an, dass wie im letzten Jahr ein Geschenk von mir als Postsendung stillschweigend akzeptiert werden würde und ich würde mich diesmal bestimmt nicht grämen, auch wenn ich wieder den Eindruck hätte, es würde niemals angekommen sein. Aber diesmal wurde ich vermisst, wirklich vermißt und ich darf ihr mein Geschenk am Freitag (morgen muß ich arbeiten) persönlich vorbeibringen und wir gehen Eis essen.

Genauso habe ich es mir nach und in der Woche Meditation gewünscht und komischerweise zieht der richtige Wunsch die Realität einfach nach. Obwohl es nicht um mich geht, sondern darum, dass sie mich stark vermisst und nicht versteht, warum ich nicht mehr da bin? Eigentlich mache ich mir auch Sorgen, weil ich nicht vergessen worden bin. Da muß irgendetwas im Argen sein, wenn Kinder selbst ein Jahr nach einer Trennung ihren leiblichen Vater kritisch sehen, während sie mit Kindertelefonen „Wolfgang anrufen“ spielen? „Wäre sie 12 und nicht 4, würde sie zu Dir einfach abhauen“, so die Mutter am Telefon. Also auch eine Mission wie bei „Bernhard & Bianca“. Es hat mir immer das Herz zerrissen zu sehen, wie intensiv sie den Film verfolgte und immer sehen wollte. Aber jetzt haben wir die Möglichkeit Frieden mit der Vergangenheit zu finden.